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Die Erdenfeuer von Geredhar …


Der Abend zuvor …


Der Raum, in dem Myrisa an diesem Abend von Lady Jardhi, der ehrwürdigen Erzmagierin der Schwesternschaft des Drachenauges, und von Lady Ishirina empfangen wurde, war kostbar und gemütlich eingerichtet. Das warme Feuer, das in dem großen Kamin flackerte, hielt die abendliche Kälte fern. Auf dem Boden lagen dicke Teppiche und einige bequeme mit Samt bezogene Sessel waren um einen schweren Tisch gruppiert, auf dem Kerzen, delikater Honigwein und verschiedene erlesene Speisen standen. Die ehrwürdige Erzmagierin, die in eine kostbare, blutrote Magierrobe gekleidet war, begrüßte Myrisa mit einem freundlichen Lächeln und bedeutete ihr sich zu setzen und sich an Wein und Essen zu bedienen. Ihr Alter mochte inzwischen wohl mehr als 60 Jahre zählen. Das Treffen war etwas Besonderes. Lady Jardhi war die Erzmagierin einer der geachtetsten Magiergilden der vergessenen Reiche. Sie wurde als Beraterin an einigen bedeutenden Königshöfen geschätzt und hatte in der Regel nicht die Zeit für Abende wie diesen. Es mußte etwas Wichtiges geschehen sein, daß Lady Jardhi persönlich nach Harrowdale gekommen war, um sich darum zu kümmern und eine solche Einladung auszusprechen.


Nach einigen freundlichen Worten der Konversation bei Honigwein und Essen, kam Lady Jardhi schließlich zum Grund der abendlichen Zusammenkunft. Bevor sie zu sprechen begann, zog sie unter ihrer weiten Robe einen faustgroßen, feingeschliffenen Kristall hervor, den sie an einer feingliedrigen Kette um den Hals trug. Als sie ihn sorgsam zwischen sich und ihren Gast auf den Tisch legte, funkelte das Licht der Kerzen hell darin und brach sich tausendfach in den verschiedensten Farben.


„Dies ist ein Drachenkristall“, begann sie Myrisa zu erzählen, „Ein sehr seltener und kostbarer Stein, der richtig gearbeitet und geschliffen über ganz besondere Kräfte verfügt. Soweit wir wissen, gibt es in den ganzen vergessen Reichen nur siebzehn Stück von ihnen und sie befinden sich alle bereits im Besitz unserer Schwesternschaft. Die Trägerinnen der Drachenkristalle sind überall in den vergessenen Reichen verteilt und doch sind sie durch die Steine immer miteinander verbunden, ganz gleich wie weit sie auch voneinander entfernt sein mögen. Sie können durch die Steine miteinander in Kontakt treten, sich miteinander unterhalten und sich untereinander unterstützen. Für eine Magiergilde mit unserem Ansehen und unseren Aufgaben eine Kostbarkeit von kaum schätzbarem Wert, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt. Doch die Zahl unserer Schwestern wächst stetig und die siebzehn Drachenkristalle reichen längst nicht mehr aus, um alle wichtigen Positionen in unserer Gemeinschaft mit einer Steinträgerin zu besetzen und das Netzwerk zwischen allen Schwestern damit ständig aufrecht zu erhalten.“


„Nur eine einzige Person, von der wir einen der Drachenkristalle erwarben, besaß überhaupt Hinweise bezüglich ihrer Herkunft. Diese besonderen Steine sollten von einer der vielen Vulkaninseln im Meer der gefallenen Sterne stammen. Das Wissen, wo genau diese Insel lag und wie sie hieß, wurde aber über die Jahrhunderte vom Sand der Zeit bedeckt und Vulkaninseln gibt es im Meer der gefallenen Sterne mehr, als man zählen kann. Erst als vor einigen Wochen eine unserer Schwestern in einem Buch über Thaumaturgie zufällig auf weitere Hinweise zu den Drachenkristallen stieß, konnten wir unsere Suche weiterführen. In dem Buch eines Thaumaturgen aus dem Volk der Zwerge war unsere Schwester auf die Beschreibung eines Drachenkristalls gestoßen, dessen Eigenschaften in der Thaumaturgie dieser Zwerg untersuchte. Er führte ihren Ursprung auf die Insel Geredhar zurück, auf der ein zurückgezogen lebender Stamm der Zwerge diese in ihrer Mine schürfen sollte. Auch von einem Orden des Erdvaters und seinen Kindern war in dem Buch die Rede. Zwar ließ sich aus dem genannten Buch nicht mehr über die Drachenkristalle in Erfahrung bringen, aber wir wußten nun, wo wir suchen mußten. Geredhar war auf einigen Karten verzeichnet und in der Tat eine Vulkaninsel im Meer der gefallen Sterne.“


„Wir hofften die Mine zu finden und dort nach weiteren Drachenkristallen schürfen zu können, also machten wir uns auf die Suche nach der Insel. Doch das Meer der gefallenen Sterne ist seit dem Krieg der Magier ein Ort wilder Magie und alle Versuche mit Hilfe der Magie weitere Informationen über die Insel zu erlangen, blieben erfolglos. Die ganze Region des Meeres der gefallenen Sterne, in dem auch die Insel Geredhar liegt, hat unter den Folgen des Krieges der Magier zu leiden. Besonders die mächtigen Roten Magier von Thay führen ihre Kriege gegen fast alle anderen Länder, die an das Meer der gefallenen Sterne angrenzen, um diese unter ihre Herrschaft zu zwingen. Der einzige Grund, warum sie trotz der mächtigen Magie, über die sie gebieten, nicht bereits die über die ganze Region herrschen, liegt wohl neben mehreren ebenbürtigen Gegnern vor allem darin begründet, daß sie sich gegenseitig ebenso bekämpfen, wie sie dies mit ihren Gegnern tun. Durch die Folgen der Kriege der Magier, für die oftmals gewaltige Kräfte heraufbeschworen werden, ist das Meer der gefallenen Sterne aber ein Ort wilder Magie geworden und die Gesetze der Magie folgen dort nun nicht mehr den Wegen, denen sie folgen sollten.“


„Da wir sonst nur die oftmals widersprüchlichen Aussagen einiger weniger Händler hatten, die sich in diese gefährliche Region wagten, sandten wir mit Lady Amlara und Lady Belamor zwei unserer erfahrensten Schwestern nach Geredhar, die aufgrund ihrer Begabungen und Befähigungen für diese Aufgabe besonders geeignet waren. Sie sollten dort nach Informationen und Hinweisen auf die Drachenkristalle suchen und hoffentlich auch die Mine finden. Beide Schwestern reisten in Begleitung von zwei Golems und erreichten sicher die Insel Geredhar, denn sie ließen uns von dort mit einem Handelsschiff eine Nachricht zukommen, in der sie von ihrer Ankunft auf der Insel berichteten. Dies war vor zwei Monden und alles schien in Ordnung. Vor wenigen Tagen aber erlosch nun der Seelenstein von Lady Belamor. Ihr Tod ist damit gewiß, denn ein Seelenstein erlischt nur beim Tod einer Schwester. Das Schicksal von Lady Belamor kam für uns gänzlich überraschend und nun sind wir sind in Sorge um das Wohl von Lady Amlara. Lady Belamor war eine erfahrene und fähige Magierin unserer Schwesternschaft und Lady Amlara steht ihr in nichts nach. Es sollte auf Geredhar nichts geben, dem sie nicht gewachsen wären, zumal beide Schwestern in Begleitung von zwei Golems unterwegs waren.“ Die Erzmagierin machte eine gewichtige Pause, bevor sie fortfuhr. „Es ist die Pflicht unserer Gilde ihren Schwestern beizustehen, wo und wann immer sie in Bedrängnis geraten. Der Tod Lady Belamors war bereits ein zu hoher Preis für dieses Unterfangen und ich bin nicht gewillt eine weitere Schwester aufzugeben, ohne alles getan zu haben, um ihr Leben zu retten. Es ist Eile geboten und ich hoffe, daß es noch nicht zu spät ist!“


Lady Jardhi richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. „Aber wir werden auf Geredhar mehr als nur Magie brauchen. Besprecht euch mit euren Begleitern und erzählt ihnen von unserem Gespräch alles das, was ihr für notwendig erachtet. Ihr müßtet sofort aufbrechen. Die Fahrt auf dem Meer der gefallenen Sterne zur Insel Geredhar birgt viele Gefahren und würde selbst bei besten Bedingungen zwei Monde dauern. Piraten sind dabei sicherlich die größte Gefahr, aber bei allem, was euch sonst noch auf dem Meer der gefallenen Sterne begegnen kann, wiederum wohl eure kleinste Sorge. Wir würden unsere Möglichkeiten nutzen, um für eure sichere Überfahrt zu sorgen. Ihr hättet eine Passage auf der Seeträumer, einem Schiff im Hafen von Harrowdale, das bereits morgen Nacht auslaufen wird. Die Seeträumer steht unter dem Kommando von Kapitän Assuran, einem erfahrenen Kapitän, der die Gewässer kennt und uns schon früher so manchen Dienst erwiesen hat. Auf Geredhar wäre eure wichtigste Aufgabe das Auffinden von Lady Amlara. Findet sie und tragt Sorge für ihre Sicherheit. Weiterhin müßtet ihr dann die tote Lady Belamor finden. Es ist erforderlich, daß ihre Leiche zu uns zurückgebracht wird. Ihr Seelenstein muß wieder mit ihren sterblichen Überresten vereint werden, damit ihre Seele Ruhe finden kann. Solltet ihr ansonsten auf der Insel Hinweise auf die Mine finden oder gar Drachenkristalle in euren Besitz bringen, so wäre das ein Bonus, für den wir euch mehr als reich belohnen würden. Wenn ihr unseren Auftrag annehmen möchtet, so seid ihr mit euren Begleitern morgen Abend um die gleiche Zeit alle wieder hier zum Essen eingeladen.“


Myrisa verabschiedete sich für diesen Abend höflich von der Erzmagierin und machte sich auf den Weg ihre Gefährten im Gasthaus „Drei schwarze Katzen“ zu treffen …


… Im Gasthaus gab es ein freudiges Widersehen der Gefährten. Etwas später berichtete Myrisa allen dann von ihrem Treffen mit Lady Jardhi. Der Entschluß war schnell gefaßt, denn es handelte sich anscheinend um einen Auftrag im Namen einer gerechten Sache und so fanden sich die Gefährten am Abend gerne zu dem Treffen mit Lady Jardhi und Lady Ishirina ein. Wieder wurden delikater Honigwein und erlesene Speisen gereicht und die beiden ehrwürdigen Damen antworteten geduldig auf alle Fragen der Gefährten. Als der Worte dann genug gewechselt waren und es nicht viel mehr zu sagen gab, waren die Gefährten nach wie vor davon überzeugt, daß es das Richtige war, Lady Jardhi in dieser Sache zu helfen. Die Summe, die sie ihnen als Belohnung für diese Aufgabe in Aussicht stellte, machte klar, wie wichtig es ihr war und bedurfte ebenfalls keiner weiteren Worte, denn wirklich keiner hätte guten Gewissens noch mehr Gold fordern können. Sie waren sich also einig.


Im Anschluß an die Unterhaltung händigte Lady Ishirina allen Gefährten ein handtellergroßes Silberamulett in Form einer feingearbeiteten Spinne an einer Silberkette aus. Die Augen und der Hinterleib der Spinne wurden jeweils von feingeschliffenen, blutroten Rubinen gebildet. Die Amulette sollten die Gefährten vor den Auswirkungen der wilden Magie in dem Teil des Meeres der gefallenen Sterne bewahren, zu dem sie nun schon bald aufbrechen würden. Lady Jardhi gab den Gefährten darüber hinaus ein mit weichem Samt ausgeschlagenes Metallkästchen, in dem eine handtellergroße, rot-orange Perle aus Glas ruhte. Gleichzeitig ermahnte sie die Gefährten zu äußerster Achtsamkeit, denn wenn die Perle zerbrochen wurde, so explodierte sie in einem Feuerball aus Drachenfeuer, das sogar Stein und Metall zerstörte. Es war bereits spät am Abend. Die Seeträumer sollte am Morgen noch vor Sonnenaufgang in aller Frühe mit der Nachtflut auslaufen. Lady Jardhi wies den Gefährten also gemütlich eingerichtete Gästezimmer im Anwesen der Schwesternschaft zu, in denen sie bis zu ihrem Aufbruch noch etwas Schlaf finden konnten. Sie würden zwei Stunden vor Sonnenaufgang wieder geweckt werden.


Der Aufbruch …


Wie besprochen wurden die Gefährten in aller Frühe noch weit vor Tagesanbruch von einer Novizin der Schwesternschaft geweckt. Ein kleines Frühstück aus frischem Brot, würzigem Käse und kaltem Fleisch stand bereits für sie bereit. Schon kurze Zeit später waren die Gefährten in Begleitung der Novizin, die sie zuvor geweckt hatte, auf dem Weg durch die dunklen Gassen von Harrowdale in Richtung Hafen. Im Hafenviertel herrschte um diese Zeit bereits reges Treiben. Die Seeträumer war ein schnittiger, schlanker und schneller Zweimaster von etwas über 20m Länge und mit etwa 20 Mann Besatzung. Das Schiff war in einem hervorragenden Zustand, als wäre es eben erst aus der Werft gekommen. Die Ladung wurde gerade an Bord gebracht. Mehrere Ballen Wolle und Felle sowie einige Paletten Holz wurden über eine breite Rampe an Deck getragen und durch eine Luke runter in den Laderaum geschafft. Kapitän Assuran stand auf dem Achterdeck des Schiffes und sprach gerade mit einigen seiner Seeleute. Er trug ein kostbares, nachblaues Gewand und als er die Gefährten erblickte, winkte er sie erfreut zu sich an Bord. Es war offensichtlich bereits alles besprochen und die Novizin, die sie bis zum Schiff gebracht hatte, verabschiedete sich am Kai von den Gefährten, als sie an Bord gingen. Nach einer freundlichen Begrüßung, bei der Kapitän Assuran seine Gäste zunächst begutachtete, wurden sie von einem der Seeleute zu ihren Kajüten geführt. Keine Stunde später wurden die Leinen losgemacht, die Segel gesetzt und die Seeträumer verließ den Hafen mit Kurs auf die offene See.


Auf der Fahrt mit dabei war auch Paul, der Esel, den Berengard mit sich führte und der mit der ganzen Sache gar nicht zufrieden war. Nicht nur daß sein Bruder Horst nicht hier war – der konnte immerhin von Glück reden – aber auch Karl das Schlachtroß hatte Berengard auf diese Fahrt nicht mitgenommen. Das machte Paul echte Sorgen, denn Karl wußte nicht nur, was er tat, sondern er hätte auch auf ihn aufgepaßt. Nun war er alleine mit dieser Bande unterwegs. Statt warm und trocken bei Horst und Karl im Stall zu stehen und Karotten zu fressen, war er bei schlechtem Wetter mit ihnen nachts durch die halbe Stadt gelaufen und hatte ihren ganzen Scheiß geschleppt. Aber da, wo Berengard war, gab es ohnehin beinahe immer schlechtes Wetter. Nein, ihm gefiel die ganze Sache gar nicht. Als er da aber so im Laderaum stand und nervös eine Karotte kaute, wurde ihm plötzlich das ganze Ausmaß seines Alptraums bewußt. Die Bande befand sich genau über ihm und er hörte, wie sie darüber sprachen, daß ihnen DER ESEL im Notfall als Proviant dienen konnte. Paul sah erschrocken auf und schluckte. Er war am Arsch! Aber so nicht! Nicht mit Paul! Er blickte sich eilig im Laderaum um. Es mußte hier doch etwas geben, mit dem er aus dieser Scheiße wieder herauskommen konnte! Er begann damit die Ladung Stück für Stück durchzugehen. Er würde schon etwas finden! Als Berengard in den Laderaum hinab ging, um nach Paul zu gucken, meinte er kurz eiliges Hufgetrappel zu hören, aber als er Paul sehen konnte, stand dieser wie immer in der Mitte des Laderaums, kaute eine Karotte und guckte ihn freudig aus großen Eselsaugen an. Er hatte sich wohl nur verhört.


Das stets gegenwärtige Knarren der Holzplanken und das gleichmäßige Geräusch der Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, machten den Gefährten klar, daß ihre Seereise zur Insel Geredhar nun begonnen hatte. Bei Anbruch des Tages war die Küste bereits weit hinter ihnen zurückgeblieben und nur noch ein schmaler Streifen am Horizont. Der erste Tag ihrer Seereise verlief ereignislos. Den einzigen weiteren Gast an Bord lernten die Gefährten erst gegen Abend kennen. Eine alte Frau mit bleicher Haut und rötlichen Augen, die in graue Roben gekleidet war und sich gebeugt und auf einen Stock gestützt bewegte. Sie kam erst nach Einbruch der Nacht an Deck, während sie tagsüber in ihrer Kajüte blieb. Auch am Abend achtete sie aber darauf das Licht der Fackeln und Laternen zu meiden. Ein Gespräch ergab, daß ihr Name Rhea Caldhyra lautete und sie auf der Reise zu ihrem Bruder war. Sie verweilte nicht lange an Deck begab sich schon kurz darauf zur Ruhe, nicht jedoch ohne daß Berengard und Emarith sie eingehend auf untote oder dämonische Einflüsse überprüft hatten. Obwohl sie auf hoher See waren, entschieden die Gefährten sich dazu in der Nacht Wachen aufzustellen. Mit dieser Handlung wurde die Paranoia im Grunde aber letztlich zu einem Problem, das die Gefährten noch einige Tage und Nächte beschäftigen sollte.


Die aufgestellten Wachen blieben nicht in ihren Kajüten und dadurch wurden sie gewahr, daß in der Nacht an Bord seltsame Sachen geschahen, die sie besser nicht gesehen hätten. Als sie an Deck kamen, hatte sich über dem Schiff ein Schimmer aus Lichtern gebildet, die wie die Polarlichter am Himmel tanzten und letztlich das ganze Schiff in glitzernde Funken hüllten. Alle Personen an Bord waren in einen Tiefschlaf gefallen, aus dem sie nicht mehr geweckt werden konnten. Eine eisige Kälte hüllte das ganze Schiff in eine immer dickere Schicht aus Eis und sogar die Sterne waren nicht mehr an ihrem angestammten Platz am Himmel. Die Gefährten konnten keine Erklärung für diese besorgniserregenden Erscheinungen und Ereignisse finden. Am Tag dagegen war an Bord alles wie immer und weder der Kapitän noch ein Mitglied der Mannschaft wußten etwas von den Geschehnissen, von denen die Gefährten sprachen und taten diese als das Geschwätz von Landratten ab, denen die Seefahrt nicht bekam. Doch machte Kapitän Assuran ihnen auch ganz klar, daß ein Schiff kein Ort für derartigen Aberglauben war und die Moral der Mannschaft und damit die Sicherheit des ganzen Schiffes gefährden konnte.


So brachten die Gefährten noch manche Nacht zu ohne ein Auge zu schließen. Nach einigen weiteren Nächten ergaben sie sich schließlich in ihr Schicksal. Sie konnten hier ohne ein gewaltsames Eindringen in die Kajüte des Kapitäns, deren Tür des Nachts von einer Schicht aus dickem Eis bedeckt war, oder in die Unterkünfte der Mannschaft sowie der Passagiere, keine weiteren Erkenntnisse erlangen. Es war zudem mehr als zweifelhaft, ob sie dort tatsächlich die Antworten auf ihre Fragen finden würden. Soweit sie von ihren bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen wußten, ging von den Geschehnissen an Bord im Grunde keine greifbare Gefahr für sie aus. Wenn man dabei dann bedachte, daß die Schwesternschaft eine Gilde von mächtigen Magierinnen war und eine Seereise von 2 Monden durch gefährliche Gewässer bereits von Beginn an eine zu lange Zeit gewesen zu sein schien, um noch rechtzeitig zur Rettung einer ihrer Schwestern zu kommen, dann war es nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß sie ihre Magie einsetzen würden, um das Schiff auf sicheren und schnelleren Wegen an sein Ziel zu bringen. So gingen viele weitere Tage und Nächte auf See für die Gefährten ins Land, bis sie schließlich wohlbehalten in Sichtweite der Insel Geredhar kamen.


Die Ankunft …


An der Küste gab es auf dieser Seite der Insel eine Bucht und in dieser Bucht konnte man eine kleine Siedlung ausmachen, auf die Kapitän Assuran nun Kurs nahm. Als die Seeträumer am frühen Abend in die Bucht einlief und sich der Siedlung näherte, wurde auch ein schmaler Bootssteg und einige kleine Fischerboote sichtbar. Abseits davon, am Rand der Bucht, lag noch ein weiteres Schiff im Wasser, das aber anscheinend keine Segel und keine Takelage mehr besaß. Mit Schiffen und mit der Seefahrt kannten sich die Gefährten aber nicht aus und so war das Schiff auch gleich wieder vergessen. In der Bucht war das Wasser so tief und blau, wie die Felsen der Küste scharf und steil waren. Der Anlegeplatz war im Grunde die einzige Stelle der Bucht, von der aus man zu der Siedlung aufsteigen konnte. Durch das tiefe Wasser konnte die Seeträumer bis an den Bootssteg heran segeln und dort festmachen und mußte nicht erst in der Bucht ankern und ihre Beiboote zu Wasser lassen. Es legten aber offensichtlich nicht mehr häufig Schiffe dort an. Der Bootssteg und die Fischerboote waren in einem schlechten Zustand und mit Algen und Muscheln bewachsen. Die Gewalten von Wind und Wetter sowie das Salz hatten dem Holz über die Zeit schwer zugesetzt und es gab anscheinend niemanden mehr, der Steg und Boote noch pflegte. Als die Gefährten von Bord gegangen waren und wieder festen Boden unter den Füßen hatten, wurde es bereits dämmerig und fühlten sie sich plötzlich so müde, wie schon lange nicht mehr. Die Müdigkeit war aber nicht von Dauer, doch als sie sich dann zu der Seeträumer und zu Kapitän Assuran umschauten, der ihnen eben noch vom Achterdeck gewunken hatte, da waren das Schiff und er verschwunden, ganz so als wären sie nie da gewesen.


War alles nur ein Traum gewesen? Ein Blick zum Himmel offenbarte den Gefährten der Gruppe, die sich auf Himmelskunde verstanden, daß ihre Seereise, dem Stand des Mondes und der Sterne nach, tatsächlich kaum 4 Tage gedauert hatte. Eine Erklärung, was geschehen war und wie sie das gemacht hatten, blieb ihnen die Schwesternschaft an dieser Stelle aber schuldig. Sie hatten sie jedoch sicher bis zur Küste der Insel Geredhar gebracht. Eine Erklärung wiederum hätte wohl ohnehin zu nichts geführt, denn Emarith war bereits während der Fahrt so außer sich gewesen, daß sie ihren Auftrag zunächst gar nicht mehr ausführen wollte. Sie sprach vom Verrat ihres Vertrauens und trotz aller beschwichtigender Worte ihrer Gefährten wollte sie sich nicht wieder beruhigen. Am Ende konnten die Gefährten sie dann zumindest davon überzeugen, daß sie der Schwesternschaft gegenüber ihre Hilfe in der Not zugesagt hatten und sie sich von dieser Zusage nun auch nicht wieder zurückziehen sollten. Konnten die anderen Gefährten sich noch eine ganze Reihe von gewichtigen Gründen für das Handeln der Schwesternschaft vorstellen, so wollte Emarith von diesen Gründen aber nichts wissen und hatte für sich mit der Schwesternschaft gebrochen, so daß sie fortan nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte.


Vom Schiff aus hatten die Gefährten an der Küste oben auf einer Anhöhe eine Siedlung ausmachen können. Es kam von dort aber niemand zu ihnen nach unten, um sie zu begrüßen. Es gab nicht einmal ein Anzeichen dafür, daß man ihre Ankunft überhaupt bemerkt hatte. Nicht daß ihnen das etwas ausgemacht hätte, ganz im Gegenteil, in der Regel bevorzugten sie es in den meisten Fällen sogar, wenn sie zumindest zunächst nicht bemerkt wurden. An dieser Stelle erschien es ihnen aber seltsam. Soweit ihnen bekannt war, befuhren nur noch wenige Schiffe diese Gewässer und kamen dabei noch seltener bis in diese abgelegene Gegend, so daß ihre Ankunft eigentlich für einiges Aufsehen hätte sorgen sollen. Als sie sich schließlich an den Aufstieg machten, taten sie dies also mit einem gewissen Maß an Vorsicht.


Als sie wenig später die Anhöhe erklommen hatten und die Siedlung erreichten, zeigte sich aber, daß es keinen Grund für diese Vorsicht gab. Vor ihnen lag ein kleines Dorf von kaum 25 einfachen Häusern, die aus Stein und Lehm erbaut und mit Stroh gedeckt waren. Das ganze Dorf hatte offensichtlich vor allem unter der Last der Zeit zu leiden. Es machte insgesamt einen vernachlässigten und verfallenen Eindruck. Manche der wenigen Häuer waren offensichtlich schon seit langer Zeit verlassen und die Strohdächer bereits einfallen, doch auch bei den bewohnten Häusern bröckelte häufig an vielen Stellen der getrocknete Lehm aus den Fugen zwischen den Steinen und wurde von den Bewohnern nicht wieder nachgebessert. Das Land wurde offensichtlich ebenfalls nicht mehr ordentlich bewirtschaftet. Auf den kargen Feldern, die an die Häuser angrenzten, wuchsen hier und da Getreide, Kartoffeln und Rüben, die sich aber wohl nur noch mehr oder weniger dadurch hielten, daß sie nie ganz abgeerntet wurden. Auf den dürren Wiesen um das Dorf herum wurden von den Bewohnern zudem einige Wildschweine, Schafe und Ziegen gehalten, doch die ohnehin niedrigen Zäune hatten bereits zahlreiche Löcher. Doch um derlei Arbeiten kümmerte sich anscheinend keiner mehr. Wenn man die Strukturen selber betrachtete, so befand Mithaer sich von der kulturellen Stufe her inzwischen wieder in der Steinzeit.


Bei den Bewohnern handelte es sich vor allem um Zwerge sowie einige wenige Menschen, die alle bereits ein hohes Alter erreicht hatten. Das Leben im Dorf ging allem Anschein nach allgemein einen langsamen Gang und Bewohner geringeren Alters, oder etwa Kinder, gab es keine. Ebenso gab es keine Begrüßung, als die Gefährten schließlich im Dorf ankamen. Laille, Emarith und Berengard trugen Rüstungen mit den Insignien ihres Gottes und die Blicke, mit denen sie beäugt wurden, sprachen vor allem von Argwohn. Als die Bewohner dann aber Myrisa erblickten, die als Letzte das Dorf erreichte und die Robe einer Magierin trug, lag in den Blicken der Anwesenden nicht mehr bloß Argwohn, sondern regelrecht Abscheu. Keiner sprach ein Wort mit ihr. Doch auch für die anderen Gefährten war es nicht einfach, ein Gespräch in Gang zu bekommen. Die Bewohner des Dorfes begegneten ihnen dabei gar nicht mal nicht mit Ablehnung, sondern im Grunde genommen ganz schlicht mit Gleichgültigkeit. Auf ihre Fragen bekamen sie zwar in der Regel eine Antwort, doch hatte diese dann stets einen Klang, als wäre es dem Sprecher eine Plage sie auszusprechen. Es gelang den Gefährten aber darüber hinaus nicht eine Beziehung zu den Bewohnern herzustellen. Es lag eine Art von Hoffnungslosigkeit über dem ganzen Dorf und für die Bewohner war das Leben allem Anschein nach nur noch ein Warten auf das Ende.


Im Hinblick auf die Gründe, die sie nach Geredhar geführt hatten, fanden die Gefährten von den Bewohnern lediglich heraus, daß die beiden Magierinnen ebenfalls hier angelegt hatten und von hier aus dann weitergezogen waren. Mehr sprach man über die beiden Magierinnen nicht. Darüber hinaus erfuhren die Gefährten etwas über die schrecklichen Geschehnisse, bei denen das Oberhaupt des Ordens des Erdvaters, der Nar'gawan, vor mehr als 60 Jahren zu Tode kam und das Ordenshaus in einem verheerenden Feuersturm vernichtet wurde. Es waren anscheinend genau jene Geschehnisse gewesen, in deren Feuer alles, was den Bewohnern wichtig war, zu Rauch und Asche verbrannte, so daß sie gebrochen zurück blieben. Ihr Glauben, ihr Wissen, ihre Weisheit, ihr Oberhaupt und die Priester waren nicht mehr. Letztlich konnten sie dann noch in Erfahrung bringen, daß es neben diesem Dorf, dessen Name Mithaer lautete, am anderen Ende der Insel ein weiteres Dorf mit Namen Carorlom gab. Die Beziehung zwischen den beiden Dörfern konnten die Gefährten aus den Gesprächen heraus noch nicht so recht einschätzen, aber da sie in Mithaer nicht wirklich weiter kamen, entschieden sie sich schließlich dafür, nach Carorlom aufzubrechen.


Der Weg nach Carorlom führte die Gefährten entlang der Küste. Sie machten damit zwar einen weiten Umweg, aber da sie die Insel und das Innere des Landes noch nicht kannten, konnten sie sich auf dem weiteren Weg entlang der Küste besser orientieren. Der Marsch war beschwerlich und Wind und Regen folgten ihnen, wie so oft, fast den ganzen Weg. Nur einige wenige Nächte konnten sie mal im Schutz einer Grotte oder ein anderes Mal in der Deckung eines Schiffswracks ein trockenes Lager zum Schlafen finden.


… in Arbeit